Alte Heimat – Neue Heimat (Strauss, Korngold, Weill)

Liederabend Konzertverein Ingolstadt, Piano: Jan Gerdes

DONAUKURIER INGOLSTADT, 6.11.2014
„Ein Stück Zeitgeschichte“, von Jörg Hanstein

„Ja, dieses Konzertprojekt von Seiltgen und Gerdes ist eine Zeitmaschine, die Geschichte
magisch nah heranholt.“ (Mehr…)


Prächtig hebt sich das Kleid der Sängerin ab vom schwarzen Steinway: ein samtenes Rosenrot, drapiert zu majestätischem Faltenwurf. Ein klassischer Liederabend steht zu erwarten im Festsaal. Aber Annette Seiltgen hat mehr vor, sie will zwei völlig verschiedene Ästhetiken des Liedes gegenüberstellen, und auch ein Stück Zeitgeschichte auf die Bühne bringen: das Thema Emigration zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus. „Alte Heimat ─ Neue Heimat“ lautet das Motto.

Musikalisch waren gerade die „RoaringTwenties“ sehr aufregend. Amerika rückte in den Blick, das deutsche Kunstlied geriet ins Abseits. „Vom Privatier der ausgedrückten Gefühle“, so resümierte 1928 der Musikphilosoph Theodor W. Adorno, „will man nichts mehr wissen; ein Kollektiv aber, das andere Lieder als Schlager zu singen gedächte, gibt es nicht. So scheinen dem Liede alle Wege gleichermaßen versperrt“. Der Spätromantiker Erich Wolfgang Korngold, bekannt für seine Hollywood-Filmmusiken, sang dennoch weiter von „Mondenschein“ und „ewgenMelodeien“. Annette Seiltgens zum dramatischen Sopran gereifte Stimme vermag diese Nachblüte des Kunstliedes trefflich zum Leben zu erwecken, mit schwingendem Vibrato, großen melodischen Bögen und deckenden Farben. Jan Gerdes begleitet mit sicherem Gespür für Korngolds raffinierte Harmonik. Wirklich berührend klingen diese Lieder aber nur, wenn Seiltgen ihr Organ zu lyrischer Zartheit zurücknimmt, was ihr für eine „Dramatische“ berückend gut gelingt.
„Das Rosenband“, „Ständchen“, „Freundliche Vision“: Diese und andere Lieder von Richard Strauss sind dagegen noch immer Hits im Konzertsaal. Sopranistinnen, die sich daran wagen, haben von Elisabeth Schwarzkopf bis Diana Damrau illustre Konkurrenz ─ hinter der sich aber Annette Seiltgen keineswegs verstecken muss. Unterstützt von einer eleganten Gestensprache verkörpert sie die weltenferne Ausdruckswelt des Fin de Siècle so plastisch, als ob eine Figur Gustav Klimts aus dem Bild gestiegen sei. Ihre reiche Stimme schmiegt sich perfekt an die preziösen, zwischen Melodie und Deklamation changierenden Phrasen, an Gerdes‘ duftig belebten Klavierpart. Aufregend, wie sich etwa ein „schlummerte“ leise ins Dunkel bettet, wie sich ein „mildes blaues Licht“ zusammenzieht zu einem feinen, glimmenden Faden aus Klang. Und in der ekstatischen „Jugendlust“ von op.19, Nr.4 ist schon etwas von Wagners Isolde zu spüren, die Seiltgen jetzt anpeilt. Ein grandioser Strauss.
Doch wie würden nun die Songs von Kurt Weill klingen? Der war ja, gegen Adornos Verdikt, einen anderen Weg gegangen, eben hin zum Kollektiv und seinem Schlager. Nach seiner Emigration bediente er erfolgreich auch den New Yorker Broadway. Für diesen Teil des Konzerts wechselt Seiltgen gewissermaßen die Inszenierung Sie trägt jetzt ein kleines Grünes, stellt sich kess in Pose oder lümmelt sich auch mal an den Flügel. Schauspielerisch gekonnt – man merkt ihr Theaterblut ─ schlüpft sie in die Rolle einer Chanteuse im Cabaret. Die Texte im bewusst schnoddrigen Jargon sind geradezu eine Absage an die ewige, romantische Liebe ─ „das Gefühl wird erstaunlich kühl“ ─, aber vor allem die Chansons gehen in Seiltgens Interpretation fast schaurig ans Herz. Die Sopranistin verleugnet auch nicht, wo sie als Nanna oder Erna Schmidt auftritt, ihre klassische Ausbildung: Sie bringt diese abgebrühten, vom Leben gebeutelten Frauen mehr stilisiert als realistisch auf die Bühne. Aber sie kann ihre Stimme durchaus harsch, sarkastisch oder schwadronierend einfärben, und im „Bilbao Song“ kann man sie geradezu an der Bar hinter einem halbleeren Brandy sitzen sehen, alten Zeiten nachhängend. Ja, dieses Konzertprojekt von Seiltgen und Gerdes ist eine Zeitmaschine, die Geschichte magisch nah heranholt. Begeisterter Applaus im Konzertverein.